Fazit I

Erst mal die harten Fakten unseres Überführungstörns von Göteborg nach Wismar. Wir haben während 13 Seetagen 363 Seemeilen zurückgelegt, das sind ca. 670 km.

Unsere erste Reise mit Lady Garlic

 

Seetag Etappe Distanz
1 Hinsholmkilen nach Varberg 39 sm
2 Varberg nach Falkenberg 20 sm
3 Falkenberg nach Torekov 30 sm
4 Torekov nach Helsingborg 29 sm
5 Helsingborg nach Ven 10 sm
6 Ven nach Barsebäkshamn 19 sm
7 Barsebäkshamn nach Lomma  8 sm
8 Lomma nach Skanör 28 sm
9 Skanör nach Rødvig 33 sm
10 Rødvig nach Faxe Ladeplads 20 sm
11 Faxe Ladeplads nach Gedser 66 sm
12 Gedser nach Kühlungsborn 27 sm
13 Kühlungsborn nach Wismar 34 sm
  Gesamtdistanz 363 sm

 

Für die Segelneulinge Hannah und Sylvie war das eine ganze Menge. Natürlich war die Reise für uns drei – Hannah, Sylvie und Philipp – ein Urlaub. Das Experiment Segeln ist gelungen, keiner hat die Nase voll vom Segeln. Im Gegenteil, Hannah vermisst das Bordleben, Sylvie fand die Abwechslung vom Alltag erfrischend und Philipp freut sich, dass sein Vorschlag diese und zukünftige Ferien auf dem Wasser zu verbringen bei allen Beteiligten auf positive Resonanz stieß.

Wegen unseres Zeitplans, des rechtzeitigen Erreichens Wismars, konnten wir oft nicht länger dort bleiben, wo es uns besonders gut gefiel. Wir hatten (fast) keine Zeit Ziele anzusteuern, die nicht auf der von uns gewählten Direttissima lagen, manchmal mussten wir weiter, obwohl die Wetterbedingungen einen weiteren Hafentag zur besseren Wahl gemacht hätten. Nichtsdestotrotz blieben wir alle gut gelaunt. Die zukünftigen Reisen mit Lady Garlic werden mit Sicherheit entspannter.

Ob das planmäßige Ende unserer Reise nur Glück war, oder ob das Gelingen ausschließlich von unseren Fähigkeiten, unserer Entschlossenheit und der positiven Einstellung jedes Crewmitglieds abhing, lässt sich schwer beantworten. Wir hätten einfach auch Pech haben können. Die Chance sich zu verletzen ist auf einem Segelboot größer als zu Hause im Garten, die Chance sich mit Corona zu infizieren in Göteborg höher als in Dachau. Deshalb, ja, wir hatten auch Glück. Auf der anderen Seite sind wir keine Risiken eingegangen. Wenn der Wind zu stark war, sind wir im Hafen geblieben. Wenn wir bei unangenehmem aber handlebarem Wetter ausgelaufen sind, hatten wir nicht nur einen Plan B, sondern auch Plan C und D in der Hinterhand, bei gutem Wetter gab es mindestens einen Plan B. Leichtsinnig und blauäugig waren wir nicht. Wir haben darauf geachtet, dass Hannah Krebse fangen und im Meer baden konnte, wir haben Wert auf gute Verpflegung gelegt und jeder hat angesichts menschlicher Unzulänglichkeiten mehr Augen zugedrückt als daheim.

Rückblickend hätten wir einiges anders gehandhabt. Aber rückblickend ist jeder schlauer.

Nach unserer Rückkehr wurden wir mehrfach gefragt, ob wir uns auf unserem Segeltörn überhaupt erholen konnten. Die Antwort ist ein Jein mit klarer Gewichtung.
Körperlich haben wir mehr geleistet als bei einem Strand- oder Poolurlaub. Wir sind abends oft groggy in die Koje gekippt, wir wurden nass und haben gefroren, wir haben uns die Finger eingeklemmt und den Kopf angeschlagen, Hannah hat sich eine Blasenentzündung eingefangen.
Mental haben wir uns erholt, wie seit langem nicht. Wir haben unsere Bedürfnisse auf ein Mindestmaß reduziert; ein starker Kaffee oder Tee am Morgen, eine heiße Dusche im Hafen, ein trockener Schlafsack am Abend, mehr war für einen gelungenen Tag nicht notwendig.
Ja, wir haben uns mehr erholt als verausgabt; an das, was wir erlebt haben, werden wir uns lange erinnern, die körperliche Erschöpfung war nach einem Mal Ausschlafen vergessen.

Rolling Home

Der heutige 11. Juli fängt mit dem dem Schlafengehen an, nämlich um 5 Uhr in der Früh. Um diese Uhrzeit krabbelt Philipp in den Koje, vorher ist er mit der Fähre nach Dänemark (und wieder zurück) gefahren, um unser Auto aus Rødvig zu holen. Wegen Hannahs Blasenentzündung mussten wir kurz vor unserem Ziel Wismar einen Hafentag in Kühlungsborn einlegen. Die Zeit haben Sylvie und Hannah genutzt, um mit der Einnahme von Hannahs Antibiotikums zu beginnen und sich Kühlungsborn anzusehen. Philipp ist am Vortag mit dem Bus nach Rostock, von dort mit der Fähre nach Gedser und mit dem Zug weiter nach Rødvig gefahren. Die Fähre zurück nach Rostock hat um 2:15 Uhr in Gedser abgelegt und jetzt um 5 Uhr geht Philipp erst mal schlafen. Bis um 9 Uhr. Da klingelt der Wecker.

Wir frühstücken, holen noch einen Kanister Benzin und legen um 11:30 Uhr ab. Vor uns liegt die letzte Etappe unseres Urlaubs, wir segeln Lady Garlic in ihren neuen Heimathafen Wismar. Der Wetterbericht sagt westlichen Wind mit 4Bft. voraus. Da wir heute keinen auflandigen Wind haben, ist die Ausfahrt aus dem Hafen unproblematisch, die See ist nur mäßig bewegt. Zehn Minuten nach dem Ablegen sind die Segel gesetzt und der Motor ausgeschaltet. Weil der Wind aus Westen kommt und wir nach Westen möchten, müssen wir aufkreuzen. Lady Garlic fühlt sich wohl, legt sich aufs Ohr und zieht mit 5 Knoten durch das Wasser.

Nach ein paar Wenden meldet sich Hannah. Sie muss aufs Klo. Wir bekommen in Farbe und bunt die Nebenwirkung des Antibiotikums zu spüren – Hannah hat Durchfall. Es folgt eine Akrobatikeinlage auf der Pütz mit Hilfestellung von Sylvie. Hannah bleibt ziemlich entspannt und ist weiter gut gelaunt. Das selbe wiederholt sich etwas später ein zweites Mal, was der guten Stimmung bei Hannah, Sylvie und Philipp keinerlei Abbruch tut. Wir segeln gerade nach Hause.

Der Verlauf der Küste ändert sich von West auf Südwest. Wir müssen nicht mehr kreuzen, sondern können auf dem selben Bug parallel zum Land segeln. Gegen 16 Uhr erreichen wir das erste Tonnenpaar des Fahrwassers nördlich der Insel Poel. Poel liegt im Nordosten der Wismarbucht und hat einen ziemlich schönen Strand. Den sehen wir heute leider nur aus der Ferne, aber wir kommen bestimmt bald wieder. Irgendwann bergen wir die Fock, werfen den Quirl an und umrunden Poel im Westen. Noch ein Stück später, Wismar ist schon deutlich zu erkennen, kommt auch noch das Großsegel herunter und wir tuckern in den Westhafen. Nach zwei vergeblichen Versuchen unseren Liegeplatz zu finden machen wir erstmal an einem der Stege fest und erkunden zu Fuß, wo wir genau hin müssen. Unsere Box ist schnell gefunden, wir legen wieder ab und vertäuen Lady Garlic wenige Minuten später nach 34 Seemeilen in ihrer Box. Zum ersten Mal ist eine Box für uns rot gekennzeichnet.

Wir haben es geschafft. Gerade rechtzeitig sind wir an unserem Ziel angekommen. Wir haben einen Fender verloren und sind einmal weich aufgebrummt. Kein Crewmitglied wurde ernsthaft krank, niemand hat sich verletzt. Es gab keine Auseinandersetzungen, keine nie-wieder-segeln-Schwüre. Wir haben viel erlebt, gesehen und gelernt, sind mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen, haben erfreut festgestellt, dass wir uns sogar auf engstem Raum nicht an die Gurgel gehen, dass auch ein vermeintliches Chaos eine eigene Ordnung haben kann und dass „griffbereit“ eine stark unterschätzte Vokabel ist.

Wir sind stolz auf unsere Lady Garlic und vielleicht ein kleines bisschen auf uns.

Zurück nach Deutschland

Heute soll es zurück nach Deutschland gehen. Von Gedser nach Wismar wäre ein bisschen weit, aber Gedser ziemlich genau gegenüber, also südlich, liegt der Hafen Kühlungsborn. Wir müssen nur die Mecklenburger Bucht (ein weiteres Verkehrstrennungsgebiet) überqueren.

Der Wetterbericht sagt für den 9. Juli leichten Wind aus östlichen Richtungen und Regen vorher. Wie es aussieht, steht uns eine weitere Etappe unter Motor bevor. Damit wir für die knapp 30 Seemeilen genug Sprit haben, geht Philipp nach dem Frühstück noch tanken. Im Hafen werden Leiterwägen kostenlos zur Verfügung gestellt, so können Tank und Reservekanister leicht bis zur Tankstelle und wieder zurück transportiert werden.

Um 11:20 Uhr legen wir in Gedser ab. Die Fahrt aus dem Hafen verläuft anders als am Vortag ohne Komplikationen. Eine Stunde später erreichen wir das letzte Tonnenpaar des Fahrwassers und gehen auf Kurs Kühlungsborn. Es regnet. Nicht stark, aber widerwärtig fein und es ist kalt. Philipp hat sich wegen des Regens ein bisschen Sorgen gemacht, ob die Sicht ausreicht, um die sich schnell nähernden Berufsschiffe im Verkehrstrennungsgebiet rechtzeitig auszumachen. Die Befürchtung erweist sich als unbegründet. Lange bevor wir das Verkehstrennungsgebiet erreichen, sehen wir die Schiffe und können einschätzen, ob wir ausweichen müssen. Sylvie und Philipp wechseln sich an der Pinne ab. Während einer steuert, kann sich der andere hinter dem Sprayhood etwas vor Regen und Kälte schützen und den Schiffsverkehr überwachen. So muss der Rudergänger nicht dauernd die Brille putzen.

Die See ist glatt, die Fahrt verläuft ereignislos. Einem Schiff weichen wir in großem Abstand aus, für alle anderen ist keine Kurskorrektur erforderlich. Nach dem Verlassen des Verkehrstrennungsgebiets queren wir ein militärisches Übungsgebiet. Heute finden keine Manöver statt, sodass das Befahren keinen Verstoß bedeutet. Plötzlich ist achteraus ein Pfeifen zu hören, dessen Lautstärke sich in ein ohrenbetäubendes Grollen steigert. Philipp dreht sich um, er vermutet, dass der Außenborder in den letzten Zügen liegt, als ein Tornado Kampfjet im Tiefflug hinter Lady Garlic vorbeifliegt. Einige Sekunden später wiederholt sich das Spektakel, ein zweiter Tornado röhrt achteraus vorbei. Hannah ist begeistert und hofft auf weitere Flugzeuge. Die kommen aber (zum Glück) nicht. Sylvie und Philipp haben etwas weiche Knie und Sylvie wähnt ab jetzt hinter jedem Schiff, das am Horizont zu sehen ist, wechselweise ein Kriegsschiff oder ein U-Boot.

Nach dem Schrecken, den uns die beiden Tiefflieger eingejagt haben, stellen wir fest, dass die See etwas höher wird und der Wind zunimmt. Er kommt sogar aus einer brauchbaren Richtung – Nordost. Zur Unterstützung unseres doch nicht explodierten Außenborders rollen wir die Fock aus. Sofort liegt Lady Garlic ruhiger im Wasser und wir machen deutlich mehr Fahrt. Gedser ist schon lange nicht mehr zu sehen und wir warten gespannt darauf, dass die Deutsche Küste durch die Regenschleier zu sehen ist. Nach einiger Zeit zeichnet sich an Backbord Land am Horizont ab, voraus aber nur Waschküche. Wieder etwas später, etwa 3 Seemeilen vor unserem Ziel holt Sylvie den Hafenführer und liest Details zum Yachthafen Kühlungsborn vor. Bei auflandigem Wind stehen vor der Einfahrt hohe Grundseen. Der Wind hat jetzt auf 4 bis 5Bft. aufgefrischt und kommt weiterhin aus Nordost. Also etwas auflandig und etwas kräftig. Steuerbord voraus werden die Konturen eines Küstenwachschiffs sichtbar. Erst werden wir von Tieffliegern beobachtet, jetzt wartet die Küstenwache auf uns? Zum Glück ändert sich die Peilung des Polizeiboots, es liegt entweder vor Anker oder hält seine Position und zum Glück sehen wir jetzt endlich auch Land voraus. Wir sind sogar recht dicht vor unserem Ziel, also wird die Fock eingerollt. Wir können die Hafenmole und dahinter die Masten der Segelboote in der Marina sehen, müssen aber weiter unseren Südkurs halten, weil die Einfahrt nur auf Westkurs passierbar ist; das ganze ist wie scharf rechts abbiegen mit dem Auto. Nur können wir nicht einfach mal bremsen. Der nördliche Molenkopf ist jetzt steuerbord voraus gut zu sehen. Ebenfalls gut zu sehen sind die hohen Grundseen. Wir halten Kurs, direkt auf das Land voraus zu, hinein in die kochenden Grundseen. Lady Garlic wird ordentlich durchgeschüttelt. Wir klarieren Fockschot und Rollreffleine. Sollte der Motor jetzt ausfallen, müssen wir sofort die Fock ausrollen können, damit wir nicht antriebslos auf Land oder gegen die Hafenmole gesetzt werden. Endlich haben wir die die nördliche Mole querab und biegen scharf nach Steuerbord. Lady Garlic surft auf zwei oder drei Wellen durch die Einfahrt. Zum Glück haben wir einen kursstabilen Langkieler, der nicht so leicht aus dem Ruder läuft. Dann, auf einmal, ist das Wasser schlagartig glatt, wir sind im Hafen und müssen nur noch eine freie Box finden. Um 17:10 Uhr legen wir an.

Wir haben es fast geschafft. Nach 27 Seemeilen sind wir in Deutschland angekommen. Nach Wismar ist es nicht mehr weit, noch eine Etappe und wir sind am Ziel.

Bøøgie-Wøøgie (II. Teil)

Es ist 5 Uhr, der Wecker klingelt. Sylvie und Philipp stehen wieder früh auf, verzichten wieder auf Kaffee und Tee, packen Hannah wieder in ihr Ölzeug und ihre Schwimmweste und lassen sie wieder auf der Salonkoje weiter schlafen. Wieder machen wir um 6 Uhr die Leinen los.

Heute, am 8. Juli unternehmen wir den zweiten Versuch in den Bøgestrom einzulaufen. Wenn wir es heute nicht bis Hesnæs oder noch besser bis Gedser schaffen, können wir unseren Zeitplan nicht mehr halten. Wir haben Wind aus Westen, aber mit 4Bft., also weniger als am Vortag. Nach dem Passieren der Hafenmole setzen wir die Segel und schalten den Motor aus. Um 7:30 Uhr haben wir unser zweites Rendezvous mit der Ansteuerungstonne des Bøgestroms. Wir starten den Motor und rollen die Fock ein. Heute ist die See flacher, der Wind schwächer, der Strom setzt fast unmerklich und dieses Mal erreichen wir das rot-grüne Tonnenpaar. Wir folgen dem Tonnenstrich, Sylvie hakt auf der Seekarte jedes passierte Seezeichen ab. Außerhalb der Fahrrinne beträgt die Wassertiefe teilweise weniger als 1 Meter, wir müssen also sehr genau darauf achten die Fahrrinne nicht versehentlich zu verlassen. Das Fahrwasser führt uns dicht unter Land, biegt nach Südwesten und etwas später nach Südosten ab. Immer wieder können wir den Quirl in den Leerlauf schalten und segeln. Den Motor lassen wir zwar mitlaufen, weil Philipp zum Starten jedes Mal auf das Achterdeck steigen müsste und weil das Fahrwasser selten mehr als eine Meile in die gleiche Richtung führt. Wir haben also kurze Strecken, die wir mehr segeln als motoren und dann wieder Abschnitte, wo der Außenborder die meiste Arbeit erledigt. Hannah wacht auf, klettert aus der Kajüte ins Cockpit und sieht sich um. Es gibt wieder Haferkekse zum Frühstück. Die vielen Seezeichen findet Hannah toll. Sie hilft mit die nächsten Tonnen zu finden und ist jedesmal ganz aufgeregt, wenn wir nah an einer vorbeifahren. So gelangen wir aus dem Bøgestrom in die Stege Bucht, und unterqueren um 9:30 Uhr bei Kalvehave die Dronning Alexandrines Bro. Die Brücke hat eine Durchfahrtshöhe von mehr als 25 Metern, und verbindet die Inseln Seeland im Norden mit Møn im Süden. Nach der Brücke befinden wir uns im Ulvsund. Wir halten uns weiter in der betonnten Fahrrinne und schlängeln ins zwischen Seeland, Møn, Langø, Tærø und Lilleø durch. Wir sind auf Westkurs und der Wind hat ordentlich aufgefrischt. Wegen des flachen Wassers und der Landabdeckung entstehen keine hohen Wellen, sodass Lady Garlic nicht besonders stark stampft, aber dennoch bekommt Philipp an der Pinne in regelmäßigen Abständen Wasser ins Gesicht. Vor uns liegt die nächste Brücke, die Seeland-Farø-Bro, Durchfahrtshöhe 20 Meter. Wir unterqueren die Brücke um 11 Uhr, fahren noch ein kurzes Stück weiter Richtung Vordingborg und biegen dann nach Südwesten ab. Wir überqueren ein Flach mit für Lady Garlic ausreichender Tiefe und gehen auf Südostkurs. Jetzt haben wir halben bis raumen Wind und die Situation ist angenehmer; Philipp bekommt kein Wasser mehr ins Gesicht, Lady Garlic bewegt sich weniger angestrengt durchs Wasser. Die dritte und für heute letzte Brücke liegt vor uns, die Farø-Falster-Bro mit einer Durchfahrtshöhe von 26 Metern. Um 11:45 Uhr fahren wir unten durch, schalten danach den Motor ab und rollen die Fock wieder aus. Lady Garlic zieht mit 6 Knoten durch den Grønsund, die Insel Falster an Steuerbord, an Backbord liegt erst Bogø dann Møn. Bei Hårbølle verlassen wir den Grønsund und befinden uns wieder in der Ostsee.

Um 13:30 Uhr haben wir Hestehoved – den östlichsten Punkt der Insel Falster – querab und schaffen es am Wind parallel zur Ostküste von Falster zu segeln. Lady Garlic liegt wieder auf der Backe, aber inzwischen ist das für Sylvie und für Hannah ganz normal. Um 17 Uhr haben wir die rote Tonne „Gedser Landrev“ erreicht. Gedser liegt an der Südspitze der Insel Falster, die wie ein Zahn von Norden in die Lübecker Bucht ‚hineinbeißt‘. Diese Südspitze müssen wir noch wegen vorgelagerter Flachs mit etwas Abstand umrunden. Wir haben noch ein paar Kreuzschläge vor uns, bevor wir in das Hauptfahrwasser nach Gedser einfahren können. Gedser ist ein Fährhafen mit einer Verbindung nach Rostock, vor dem Hafen herrscht entsprechender Verkehr. Wir erreichen das Fahrwasser gegen 18:30 Uhr, starten den Quirl und bergen die Segel. Vor der Einfahrt in den Fährhafen biegt ein Nebenfahrwasser zum Yachthafen nach Nordwesten ab. Gedser ist verkehrt herum betonnt – beim Einlaufen in den Hafen lässt man rote Tonnen an Steuerbord und grüne Tonnen an Backbord liegen. Bei der zweiten grünen Tonne des Nebenfahrwassers schießt Philipp dann den Bock des Tages: Er steuert gerade und grabbelt nebenher Fender und Festmacher aus den Backskisten, als ihn Sylvie auf eine grüne Tonne ziemlich nah voraus aufmerksam macht. Philipp legt Backbordruder, um die grüne Tonne an Steuerbord zu lassen ohne an die umgekehrte Betonnung von Gedser zu denken und kramt weiter in der Backskiste. Unmittelbar danach wird Philipp etwas panisch von Sylvie darauf hingewiesen, dass sich Lady Garlic nicht mehr bewegt. Und tatsächlich, wir sind aufgebrummt. Also volle Kraft zurück. Zum Glück kommt Lady Garlic leicht von der Untiefe herunter. Wir sind so sanft auf Schlick oder Sand aufgelaufen, dass Philipp davon gar nichts gemerkt hat. Lady Garlic und uns ist nichts passiert, aber wir hatten noch einen Schuss Adrenalin unmittelbar vor Erreichen unseres Ziels. Jedelfalls machen wir eine Viertelstunde später, um 19:15 Uhr, im Yachthafen Gedser fest.

Die heute zurückgelegte Etappe beträgt 66 Seemeilen, das sind mehr als 120 km. Und wir haben es geschafft Strecke und Zeit gut zu machen. Gedser ist unser letzter Hafen in Dänemark. Heute ist Mittwoch, am Sonntag müssen wir wieder in Dachau sein. Vor uns liegen voraussichtlich noch zwei Segeltage: von Gedser nach Kühlungsborn und von Kühlungsborn nach Wismar. Das ist knapp aber machbar, wir haben sogar einen Tag in Reserve.

Bøøgie-Wøøgie (I. Teil)

Heute ist der 7. Juli, seit dem 3. Juli liegen wir eingeweht in Rødvig. In den letzten Tagen hat der Wind wie vorhergesagt auf 7Bft. aufgefrischt. Nachts hat Lady Garlic wild an ihren Festmachern gezerrt, das Boot hat ordentlich geschaukelt und geknarzt. Am 4. Juli hat Philipp das Auto aus Torekov nachgeholt. Einen Tag haben wir zum Einkaufen und für einen Ausflug mit dem Auto nach Stevns Klint genutzt, und gestern war Strand- und Grilltag.

Heute sieht das Wetter halbwegs brauchbar aus, es soll mit 5Bft. aus Westen wehen. Das ist zwar mehr als wir uns sonst zumuten, aber uns läuft die Zeit davon. Außerdem befinden wir uns in der Faxebucht, die Wetterstrecke, also die Strecke, die der Wind über offenes Wasser wehen und eine hohe See entstehen lassen kann, ist recht kurz. Wir haben uns entschlossen die „Binnenroute“ durch den Bøgestrom zu nehmen. Der Bøgestrom ist die östliche Einfahrt in das geschützte Gewässer zwischen den Inseln Seeland im Norden und Møn im Süden. Ein Tagesziel haben wir uns nicht wirklich gesetzt. In der auf den Bøgestrom anschließenden Stege Bucht und den darauf im Westen folgenden Gewässern gibt es genügend kleine Marinas, sodass wir jederzeit anlegen können. Hesnæs und Gedser, beide auf der Insel Falster, liegen aber in Reichweite.

Sylvie und Philipp sind um 5 Uhr aufgestanden, haben auf ihre morgendlichen Heißgetränke (Kaffee für Sylvie, Tee für Philipp) verzichtet, Lady Garlic seeklar gemacht, Hannah geweckt, in Ölzeug und Schwimmweste gepackt und in der Salonkoje wieder schlafen gelegt. Um 6 Uhr waren die Leinen los und wir motoren ohne Segel auf der Direttissima zur rot-weißen Ansteuerungstonne des Bøgestroms. Als wir die Tonne um kurz nach 8 Uhr erreichen, weht es heftig aus Westen und die See ist höher als erwartet. Nach der Ansteuerungstonne müssen wir zwischen dem ersten Tonnenpaar des Bøgestrom-Fahrwassers durch. Wegen der beiderseits des Fahrwassers liegenden Flachs können wir nicht riskieren den Tonnenstrich zu verlassen.

Wir halten auf das Tonnenpaar zu, kommen ihm aber nicht näher. Unser Quirl läuft mit Vollgas, aber die Logge zeigt eine Geschwindigkeit von weniger als 1 Knoten über Grund an. Normalerweise beschleunigt der Yamaha Lady Garlic auf 5 Knoten, ohne dabei Vollgas auf Anschlag zu geben. Wir haben also einen Strom von über 4 Knoten gegen uns. Segeln können wir auch nicht, der Wind kommt direkt von vorn und aufkreuzen wäre angesichts der Strömung eine Sisyphusarbeit ohne Aussicht auf Erfolg. Unser Plan in den Bøgestrom einzulaufen funktioniert nicht.

Wir kehren also um, schalten den Quirl ab und kreuzen nur unter Vorsegel Richtung Nordwesten zurück zur Küste Seelands, neues Ziel Faxe Ladeplads. Irgendwann wacht Hannah auf und kommt zu uns ins Cockpit. Sie ist gut gelaunt, trotz des Aufenthalts unter Deck nicht seekrank und frühstückt erst mal Haferkekse. Um kurz vor 12 Uhr mittags machen wir fest.

Da der Wind nachmittags oft abflaut, beschließen wir nur für ein paar Stunden festzumachen und am Nachmittag einen zweiten Anlauf auf den Bøgestrom zu versuchen, aber daraus wird auch nichts. Der Wind lässt nicht nach und es fängt an zu regnen. Wir zahlen also die Hafengebühr in unserem ersten Hafen ohne Zahlautomaten sondern mit einem echten Hafenmeister (zum ersten Mal in bar und nicht mit Karte). Zwischen zwei Regenschauern gehen wir einkaufen.

Die Kuchenbude bauen wir aus Zeitgründen nicht auf, da wir am nächsten Tag wieder früh aufzustehen und einen zweiten Anlauf in den Bøgestrom unternehmen wollen. Die Strecke von Rødvig nach Faxe Ladeplads beträgt entlang der Küste 9 Seemeilen. Heute haben wir 20 Seemeilen zurückgelegt. Bei der Einfahrt in den Hafen hat Sylvie einen Fender über Bord verloren, wir sind bei weitem nicht so weit, wie wir sein sollten und uns läuft die Zeit davon. Spätestens am 12. Juli müssen wir zurück in Dachau sein, am 13. Juli muss Philipp wieder arbeiten. Es könnte besser laufen, Philipps Stimmung ist nicht gut. Die Notwendigkeit einen Interimshafen für Lady Garlic finden zu müssen scheint mittlerweile sehr real.

Dänemark!

Heute ist der 3. Juli. Wir haben uns entlang der Westschwedischen Küste bis Skanör ganz im Südwesten des Landes vorgearbeitet. Mehr Schweden geht auf unserer Route nicht. Heute wollen wir rüber nach Dänemark. Wir haben zwei Alternativen:

  • Wir können östlich um die Insel Mön nach Klintholm. Die Umrundung der Steilküste bei Møns Klint ist eine Traumroute jedes Ostseeseglers. Klar wollen wir es versuchen, aber der Wind kommt aus Westen, wir wollen nach Südwesten. Außerdem müssten wir ein Verkehrstrennungsgebiet überqueren und auf direktem Weg von Skanör nach Klintholm würde die Querung in sehr spitzem Winkel erfolgen. Es empfiehlt sich deshalb zunächst nach Westen zu segeln, um das Verkehrstrennungsgebiet auf kurzem Weg zu überqueren und dann unter Land nach Süden abzubiegen. Damit halten wir uns die zweite Möglichkeit offen.
  • Alternativ können wir uns nach der Querung des Verkehrstrennungsgebiets in der Faxebucht einen Hafen suchen und einen Tag später entscheiden, ob wir uns Møns Klint vornehmen oder ob wir uns zwischen Seeland im Norden und den Inseln Møn und Falster im Süden hindurchhangeln. Dieser Weg wäre wegen seines Binnengewässern ähnlichen Charakters eine Alternative bei stärkerem Wind.

Der Wetterbericht sagt Wind anfangs mit 3Bft. aus Westen später auffrischend auf 5Bft. und auf Nordwest drehend voraus. Nordwest würde uns nach Møns Klint gut in den Kram passen. Am späteren Nachmittag soll es anfangen zu regnen. Wir können uns wegen des erst für später am Tag angekündigten Nordwestwinds morgens wieder Zeit lassen und machen uns gegen 12 Uhr auf den Weg. Die Segel sind wieder schnell gesetzt, der Motor ausgeschaltet. Wir queren das Verkehrstrennungsgebiet nördlich des Leuchtfeuers Falsterborev und gehen am Wind auf Südkurs. Møn liegt gut sichtbar vor uns. Allerdings frischt der Wind zunehmend auf, dreht aber nicht auf Nordwest, sodass wir bis Klintholm einen harten Ritt vor uns hätten; zu viel für Hannah und Sylvie.

Um 17:30 Uhr entscheiden wir uns für Plan B. Wir kreuzen in Richtung Stevns Klint auf. So haben wir auch ohne Møns Klint ein bisschen Steilküste. Inzwischen regnet es, der Wind pfeift durchs Rigg, Lady Garlic liegt schief im Wasser. Obwohl es nass und kalt ist, sind Hannah und Sylvie gut gelaunt. Beide scheinen sich daran gewöhnt zu haben, dass ein schief durchs Wasser ziehendes Segelboot nichts Bedrohliches an sich hat.

Um 18 Uhr starten wir dicht unter Land den Quirl und rollen das Vorsegel ein. Unser Ziel ist Rødvig. Um 20:15 Uhr machen wir nach 33 Seemeilen in einer freien Box fest.

Nachts frischt es immer stärker auf. In unserer Box haben wir den Wind genau von der Seite (ideal wäre von vorn), Lady Garlic zerrt an ihren Festmachern und schaukelt. Weil für den nächsten Tag noch mehr Wind vorhergesagt wird, legen wir einen Hafentag ein, an dem Philipp das Auto aus Torekov nachholt.

Wir haben es nach Dänemark geschafft, in ein Land, in dem „Ös“ durchgestrichen werden, das Münzen mit Löchern hat und wo man ordentliches Bier im Supermarkt kaufen kann. Zwar konnten wir unseren favorisierten Plan – die Umrundung Møn Klints – nicht umsetzen, aber damit haben wir gerechnet. Møns Klint liegt noch im Bereich des Möglichen, allerdings ist der Wetterbericht für die nächsten Tage wenig verheißungsvoll – der Wind soll noch weiter auf 7Bft. zulegen.

Last Exit Skanör

Am heutigen 2. Juli ist die Wetterstituation ähnlich dem Vortag, anfangs etwas zu viel Wind und noch gelegentlich Regen, ab Mittag dann 3Bft. und Sonnenschein. Wir können also ausschlafen. Wegen der höheren geographischen Breite wird es in Schweden im Sommer später dunkel (und früher hell) , sodass wir auch um 22 Uhr noch Tageslicht haben. Wir können also spät ablegen ohne eine Ankunft bei Dunkelheit zu riskieren – mit einer teilweise unerfahrenen Crew nicht empfehlenswert. Durch die langen Tage haben wir einen anderen Biorhythmus – Sylvie und Philipp gehen selten vor Mitternacht schlafen und auch Hannah lässt sich frühestens um halb elf dazu bewegen in ihre Koje zu kriechen. Entsprechend lang schläft sie am Morgen. Zu Hause in Dachau ist Hannah meistens vor 7 Uhr wach, hier im Urlaub schläft sie bis 10 Uhr oder länger.

Heute ist das egal. Wir frühstücken in Ruhe, machen Lady Garlic seefertig und legen kurz vor 14 Uhr in Lomma ab. Wir wollen weiter nach Süden, idealer Weise bis Skanör, der aller südwestlichsten Südwestecke Schwedens. Weil es anfangs noch etwas stärker wehte als Sylvie geheuer war, haben wir (bei Folkebooten eigentlich ein Sakrileg) noch im Hafen ein Reff eingebunden. Das Reff haben wir kurz nach Verlassen des Hafens wieder ausgeschüttelt und kreuzen Richtung Südwesten auf. Sylvie fährt ihre ersten Wenden und hat Spaß beim Steuern. Unser erstes Zwischenziel ist die Öresundbrücke. Sie verbindet Dänemark (Kopenhagen) mit Schweden (Malmö). Auf Dänischer Seite ist der Sund untertunnelt, auf der künstlichen Insel Peberholm führt der Landweg aus dem Tunnel heraus und es geht über die Öresundbrücke weiter nach Schweden. Hätten wir es vor ein paar Tagen nach Kopenhagen geschafft, wären wir auf der Weiterfahrt über den Tunnel weggeschippert. Weil wir den Sprung nach Dänemark aber noch nicht geschafft haben, müssen wir heute unter der Brücke durch. Am Hauptjoch beträgt die Durchfahrtshöhe 55 Meter, diese Durchfahrt ist aber nur für die Berufsschifffahrt zugelassen. Weiter im Osten gibt es ein Nebenfahrwasser, die Trindelrinne, und hier beträgt die Durchfahrtshöhe immer noch 34 Meter, aber auch die anderen Durchfahrten haben ausreichend Höhe und ausreichend tiefes Wasser. Wir haben vor, die Trindelrinne oder ein benachbartes Joch zu nehmen. Obwohl eigentlich nichts schief gehen kann, ist Philipp ein bisschen mulmig.

Um 17 Uhr haben wir Malmö an Backbord querab. Der Wind hat von West auf Nordwest gedreht und nachdem wir auf Südkurs gegangen sind, haben wir halben Wind. Wenigstens müssen wir nicht am Wind unter der Brücke durch. Die Brücke kommt immer näher. Wir picken uns ein Joch westlich der Trindelrinne als Durchfahrt. Um 17:50 fahren wir unter die Brücke, nach Lee lassen wir etwas mehr Platz zum nächsten Pfeiler als nach Luv. Die Pfeiler sind sehr breit und als wir in den Windschatten des Luvpfeilers kommen, reduziert sich schlagartig die Geschwindigkeit. Lady Garlic schaukelt unter der Brücke und schiebt sich mit ihrer Restfahrt weiter. Ein paar sehr lange Sekunden später fassen wir wieder Wind und Lady Garlic zieht wieder an. Geschafft, die Öresundbrücke liegt hinter uns.

Südlich der Brücke befindet sich der nächste Fremdkörper im Wasser: der Windpark Lillegrund. Lillegrund liegt ein Stück westlich. Eigentlich hatten wir vor den Windpark westlich zu umfahren. Weil wir aber mittlerweile günstigen Wind haben und kaum Boote unterwegs sind, denen wir ausweichen müssen, beschließen wir zwischen den Windrädern und dem Schwedischen Festland durchzufahren. Die Entscheidung erweist sich als richtig. Das Fahrwasser ist gut ausgetonnt, die Sicht weit und wir haben noch ausreichend lang Tageslicht. Um 19:30 Uhr rollen wir die Fock ein, um bessere Sicht zu haben, eine halbe Stunde später lassen wir den Quirl an, bergen das Groß und tuckern in den Hafen von Skanör. Um 20:15 Uhr machen wir in einer freien Box fest.

Skanör erinnert ein bisschen an Torekov, etwas schickimicki, aber in erträglichem Ausmaß. Die Hafenbars sind gut besucht, Hannah bekommt ein Eis, Sylvie und Philipp essen Hotdogs.

Wir haben 28 Seemeilen zurückgelegt. Die Idee als nächste Etappe 60 Seemeilen über offenes Wasser nach Rügen oder Hiddensee zu segeln verwirft Philipp. Von Skanör müssen wir nach Dänemark. Die Vorstellung Møns Klint zu umrunden und bis Klintholm zu segeln ist reizvoll, allerdings sind bei vorhergesagten 4 bis 5Bft. aus Westen Zweifel angebracht, ob Klintholm erreichbar ist. Wir werden sehen. Heute haben wir gut Strecke gemacht, liegen brauchbar in der Zeit, sollten aber nicht trödeln.

Mal kurz nach Lomma

Nach dem Hafentag in Barsebäkshamn wird es Zeit, dass wir wieder ein Stück weiter kommen. Allerdings ist für den heutigen 1. Juli zunächst Wind mit etwa 5Bft. vorhergesagt, was für Lady Garlic kein Problem darstellt, für Sylvie und Hannah aber zu viel ist. Für Nachmittag ist weniger Wind angekündigt, sodass wir lange schlafen können und den Vormittag noch im Hafen verbringen. Gegen Mittag macht ein etwas größeres Segelboot neben uns fest. Es sind zwei Schwedische Papas mit drei Mädchen, die etwas älter als Hannah sind. Die Mädels sprechen Deutsch, weil sie in Berlin leben und Hannah freundet sich sofort mit ihnen an. Die vier Kids machen den Hafen unsicher, Hannah hilft beim Zusammenlegen des Vorsegels.

Langsam lässt der Wind nach und wir können uns auf den Weg nach Lomma machen. Der Abschied von ihren neuen Freundinnen fällt Hannah schwer. Als wir gegen 17 Uhr die Leinen losmachen, winken die Kinder noch lange.

Unsere heutige Etappe ist zwar kurz aber wir haben perfektes Segelwetter. Lady Garlic zieht mit 6 Knoten nach Südost, vorbei am stillgelegten Kernkraftwerk Barsebäk. Wir folgen der Küstenlinie, die Backbord im Norden liegt. Um halb acht passieren wir die Molenköpfe von Lomma und machen um zwanzig Minuten vor acht nach gut 8 Seemeilen im Stadthafen am Südufer der Höje Å in einer freien Box fest. Wir haben uns gegen den Yachthafen entschieden, hier liegen wir mindestens genauso geschützt, wir haben einen schönen Blick auf die Uferpromenade und die Sanitäreinrichtungen sind nur einen Katzensprung entfernt.

Wie bezahlen die Hafengebühr und machen uns auf den Weg zur Eisdiele, die Hannah beim Einlaufen entdeckt hat. Lomma gefällt uns, es gibt einen schönen Strand, der Ort ist lebendig aber nicht überlaufen und wir haben einen schönen Platz. Auf dem Rückweg zum Boot besorgen wir noch eine Dose Ravioli – Hannah ist begeistert.

Leider können wir nur eine Nacht bleiben. Die Hälfte des Urlaubs ist vorüber und wir haben etwas mehr als die Hälfte der Strecke nach Wismar geschafft. Damit wir bei schlechtem Wetter oder unvorhersehbaren Verzögerungen noch etwas Reserve in petto haben, sollten wir uns ein Polster anlegen.

2020 – Odyssee im Öresund

Wir befinden uns auf der Insel Ven im Öresund und wir möchten weiter Richtung Süden. Im Osten des Sunds liegt Schweden und im Westen die Dänische Insel Seeland. Kopenhagen liegt gut erreichbar im Süden und Dänemark hat seine Grenzen nach dem coronabedingten Lockdown für Deutsche Segler wieder geöffnet. Zwar ist Kopenhagen eine noch größere Großstadt als Helsingborg, aber die Gelegenheit mit dem Segelboot nach Kopenhagen zu fahren, lässt man nicht sausen.

Es ist der 29. Juni, wir legen gegen 10 Uhr in Ven ab. Ziel Kopenhagen. Der Wind kommt mit 3-4Bft. aus Süden, wir müssen also aufkreuzen. Wir setzen das Großsegel und motoren noch bis wir das Südende Vens querab haben. Wir stoppen den Quirl, rollen die Fock aus und gehen am Wind auf Südostkurs. Mit der Zeit frischt der Wind auf und die Höhe der Wellen nimmt zu. Wir fahren ein paar Wenden, Lady Garlic liegt schief und zieht mit ordentlich Speed durchs Wasser. Nach dem Erlebnis des ersten Segeltags ist Sylvie trotz ähnlicher Bedingungen deutlich entspannter als auf unserer Etappe von Göteborg nach Varberg. Nur Hannah ist die Situation nicht geheuer und fängt irgendwann an zu weinen. Also rollen wir die Fock ein und starten den Motor, bevor wir das Fahrwasser erreichen, das zwischen der Insel Saltholm und Kopenhagen hindurchführt. Das Fahrwasser führt nach Süden, liegt genau im Wind, wir können also nicht segeln. Die Motortraverse hängt zu tief und der Außenborder wird deshalb gelegentlich von durchlaufenden Wellen überspült. Das hat Zündaussetzer zur Folge. Bei einer Welle geht unser Quirl dann aus und lässt sich auch nicht mehr starten. Kopenhagen können wir knicken.

Nur unter Großsegel gehen wir wieder auf Ostsüdostkurs in Richtung der Schwedischen Seite des Öresunds. Unser Ziel ist jetzt Barsebäkshamn. Wir schaffen es auf einem Bug (also ohne aufzukreuzen) bis kurz vor die Hafeneinfahrt, die eine knappe Seemeile in Luv im Süden liegt. Noch eine Wende und wir starten den Motor. Wir versuchen es. Aber das boshafte, kleine Miststück will nicht.

Also bleibt uns nichts anderes übrig, als wieder unter Segeln in den Hafen einzulaufen. Wir bergen das Groß und rollen die Fock zu etwa einem Drittel aus. Mit halbem Wind passieren wir die Molenköpfe. Der erste Versuch die Vorleine über den Heckpfahl einer Außenbox zu bekommen scheitert. Wir nehmen uns die nächste Box vor und schaffen es die Leine über den Pfahl zu bekommen. Der Wind bläst Lady Garlic weg von ihrem Heckpfahl, sodass wir zunächst zwar provisorisch aber sicher fest gemacht sind. Um eine freie Box zu erreichen, muss der Quirl wieder laufen. Er springt aber nicht an, weder mit Choke noch ohne. Zum Glück befindet sich in der Werkzeugkiste, die uns Bengt mitgegeben hat, eine Dose Starterspray. Zwei Hübe inhaliert und der Herr Außenborder lässt sich gnädig herab wieder anzuspringen. Vorleine los und ab in eine freie Box an Südmole. Um 16:45 Uhr liegen wir sicher mit vier Leinen festgemacht in Barsebäkshamn.

Neben der Marina befindet sich ein Strand und Hannah möchte ins Wasser. Soll sie… Es stört auch nicht, dass uns die Skyline Kopenhagens von Westen etwas höhnisch anblinkt. Morgen ist jedenfalls Hafentag.

Ven schon, denn schon…

Heute ist der 28. Juni und wir möchten weiter. Helsingborg ist uns zu groß und zu aufgeregt. Wir möchten weiter nach Ven, müssen aber vorher noch die Hafengebühr bezahlen und tanken.

Der Hafenmeister freut sich, dass Philipp wie versprochen mit 200 Kronen vorbeikommt. Er bedauert die Umstände und erklärt, dass nicht nur das Kartenterminal in seinem Büro defekt ist sondern auch sein Buchhaltungssystem nicht funktioniert. Kartenzahlung nicht möglich, Barzahlung auch nicht, die Liegegebühr ist geschenkt. Da man sich mit Bargeld in der Tasche in Schweden wie ein Halbkrimineller fühlt und ohnehin fast keine Chance hat, das Geld wieder loszuwerden werden 200 Kronen der Jugendvereinskasse des Segelclubs gespendet.

Dann kommt der anstrengende Teil. Am Vortag sind wir fast 30 Seemeilen motort, zum Schluss gegen eine Strömung mit 1,5 Knoten. Tank und Reservekanister für unseren Quirl sind nicht mehr besonders voll. Da wir das kurze Stück nach Ven ebenfalls mit dem Motor zurücklegen werden und nicht wissen, ob es im Hafen auf Ven eine Tankstelle gibt, sollten wir nachtanken. Philipp marschiert mit dem 15-Liter-Tank und dem 5-Liter-Kanister einmal rund um den Hafen zur Bootstankstelle und mit den beiden aufgefüllten Behältern wieder zurück. Ohne Leiterwagen, wie in manchen Häfen zur Verfügung gestellt, ganz schön schweißtreibend.

Jedenfalls heißt es um 10 Uhr „Leinen los“ in Helsingborg und nach 10 Seemeilen nur unter Motor „fest in Kyrkbacken / Ven“ um 13 Uhr. Die kurze Fahrt verläuft unspektakulär, lediglich das Queren der Fährlinie zwischen Helsingborg auf Schwedischer und Helsingør auf Dänischer Seite erfordert erhöhte Aufmerksamkeit.

Wir gehen zunächst an der Mole längsseits. Weil der Wind aber nach unserem Inselspaziergang auffrischt und es unruhig wird, parken wir um. So, und dabei passiert es dann: Der Philipp übersieht, dass ein Ende der Heckleine ins Wasser hängt, muss nochmal Rückwärtsgas geben und dann ist der Quirl schlagartig aus. Leine in der Schraube. Um den Propeller wieder frei zu bekommen, muss Philipp ins Wasser. Zwischendurch hat es ein paar Regenschauer gegeben, aber wat mutt, dat mutt… Und Hannah möchte auch schwimmen. Also wird sie in ihre Schwimmweste gesteckt, wir klappen die Badeleiter an Lady Garlics Heck herunter und klettern ins Wasser. Die Leine ist nur einmal herumgewickelt, lässt sich leicht entfernen und der Scherstift ist – toi, toi, toi – nicht gebrochen. Hannah ist glücklich im Wasser und möchte gar nicht wieder zurück an Bord. Sie schnattert schon vor Kälte, lässt sich aber nur mit übelsten Tricks aus der untersten Erziehungsschublade zurück ins Boot locken.

Ven gefällt uns gut. Ohne den Tip unserer Bootsnachbarn in Torekov wären wir an der Insel vorbei gefahren. Vielleicht schaffen wir es irgendwann wiederzukommen.