Bøøgie-Wøøgie (II. Teil)

Es ist 5 Uhr, der Wecker klingelt. Sylvie und Philipp stehen wieder früh auf, verzichten wieder auf Kaffee und Tee, packen Hannah wieder in ihr Ölzeug und ihre Schwimmweste und lassen sie wieder auf der Salonkoje weiter schlafen. Wieder machen wir um 6 Uhr die Leinen los.

Heute, am 8. Juli unternehmen wir den zweiten Versuch in den Bøgestrom einzulaufen. Wenn wir es heute nicht bis Hesnæs oder noch besser bis Gedser schaffen, können wir unseren Zeitplan nicht mehr halten. Wir haben Wind aus Westen, aber mit 4Bft., also weniger als am Vortag. Nach dem Passieren der Hafenmole setzen wir die Segel und schalten den Motor aus. Um 7:30 Uhr haben wir unser zweites Rendezvous mit der Ansteuerungstonne des Bøgestroms. Wir starten den Motor und rollen die Fock ein. Heute ist die See flacher, der Wind schwächer, der Strom setzt fast unmerklich und dieses Mal erreichen wir das rot-grüne Tonnenpaar. Wir folgen dem Tonnenstrich, Sylvie hakt auf der Seekarte jedes passierte Seezeichen ab. Außerhalb der Fahrrinne beträgt die Wassertiefe teilweise weniger als 1 Meter, wir müssen also sehr genau darauf achten die Fahrrinne nicht versehentlich zu verlassen. Das Fahrwasser führt uns dicht unter Land, biegt nach Südwesten und etwas später nach Südosten ab. Immer wieder können wir den Quirl in den Leerlauf schalten und segeln. Den Motor lassen wir zwar mitlaufen, weil Philipp zum Starten jedes Mal auf das Achterdeck steigen müsste und weil das Fahrwasser selten mehr als eine Meile in die gleiche Richtung führt. Wir haben also kurze Strecken, die wir mehr segeln als motoren und dann wieder Abschnitte, wo der Außenborder die meiste Arbeit erledigt. Hannah wacht auf, klettert aus der Kajüte ins Cockpit und sieht sich um. Es gibt wieder Haferkekse zum Frühstück. Die vielen Seezeichen findet Hannah toll. Sie hilft mit die nächsten Tonnen zu finden und ist jedesmal ganz aufgeregt, wenn wir nah an einer vorbeifahren. So gelangen wir aus dem Bøgestrom in die Stege Bucht, und unterqueren um 9:30 Uhr bei Kalvehave die Dronning Alexandrines Bro. Die Brücke hat eine Durchfahrtshöhe von mehr als 25 Metern, und verbindet die Inseln Seeland im Norden mit Møn im Süden. Nach der Brücke befinden wir uns im Ulvsund. Wir halten uns weiter in der betonnten Fahrrinne und schlängeln ins zwischen Seeland, Møn, Langø, Tærø und Lilleø durch. Wir sind auf Westkurs und der Wind hat ordentlich aufgefrischt. Wegen des flachen Wassers und der Landabdeckung entstehen keine hohen Wellen, sodass Lady Garlic nicht besonders stark stampft, aber dennoch bekommt Philipp an der Pinne in regelmäßigen Abständen Wasser ins Gesicht. Vor uns liegt die nächste Brücke, die Seeland-Farø-Bro, Durchfahrtshöhe 20 Meter. Wir unterqueren die Brücke um 11 Uhr, fahren noch ein kurzes Stück weiter Richtung Vordingborg und biegen dann nach Südwesten ab. Wir überqueren ein Flach mit für Lady Garlic ausreichender Tiefe und gehen auf Südostkurs. Jetzt haben wir halben bis raumen Wind und die Situation ist angenehmer; Philipp bekommt kein Wasser mehr ins Gesicht, Lady Garlic bewegt sich weniger angestrengt durchs Wasser. Die dritte und für heute letzte Brücke liegt vor uns, die Farø-Falster-Bro mit einer Durchfahrtshöhe von 26 Metern. Um 11:45 Uhr fahren wir unten durch, schalten danach den Motor ab und rollen die Fock wieder aus. Lady Garlic zieht mit 6 Knoten durch den Grønsund, die Insel Falster an Steuerbord, an Backbord liegt erst Bogø dann Møn. Bei Hårbølle verlassen wir den Grønsund und befinden uns wieder in der Ostsee.

Um 13:30 Uhr haben wir Hestehoved – den östlichsten Punkt der Insel Falster – querab und schaffen es am Wind parallel zur Ostküste von Falster zu segeln. Lady Garlic liegt wieder auf der Backe, aber inzwischen ist das für Sylvie und für Hannah ganz normal. Um 17 Uhr haben wir die rote Tonne „Gedser Landrev“ erreicht. Gedser liegt an der Südspitze der Insel Falster, die wie ein Zahn von Norden in die Lübecker Bucht ‚hineinbeißt‘. Diese Südspitze müssen wir noch wegen vorgelagerter Flachs mit etwas Abstand umrunden. Wir haben noch ein paar Kreuzschläge vor uns, bevor wir in das Hauptfahrwasser nach Gedser einfahren können. Gedser ist ein Fährhafen mit einer Verbindung nach Rostock, vor dem Hafen herrscht entsprechender Verkehr. Wir erreichen das Fahrwasser gegen 18:30 Uhr, starten den Quirl und bergen die Segel. Vor der Einfahrt in den Fährhafen biegt ein Nebenfahrwasser zum Yachthafen nach Nordwesten ab. Gedser ist verkehrt herum betonnt – beim Einlaufen in den Hafen lässt man rote Tonnen an Steuerbord und grüne Tonnen an Backbord liegen. Bei der zweiten grünen Tonne des Nebenfahrwassers schießt Philipp dann den Bock des Tages: Er steuert gerade und grabbelt nebenher Fender und Festmacher aus den Backskisten, als ihn Sylvie auf eine grüne Tonne ziemlich nah voraus aufmerksam macht. Philipp legt Backbordruder, um die grüne Tonne an Steuerbord zu lassen ohne an die umgekehrte Betonnung von Gedser zu denken und kramt weiter in der Backskiste. Unmittelbar danach wird Philipp etwas panisch von Sylvie darauf hingewiesen, dass sich Lady Garlic nicht mehr bewegt. Und tatsächlich, wir sind aufgebrummt. Also volle Kraft zurück. Zum Glück kommt Lady Garlic leicht von der Untiefe herunter. Wir sind so sanft auf Schlick oder Sand aufgelaufen, dass Philipp davon gar nichts gemerkt hat. Lady Garlic und uns ist nichts passiert, aber wir hatten noch einen Schuss Adrenalin unmittelbar vor Erreichen unseres Ziels. Jedelfalls machen wir eine Viertelstunde später, um 19:15 Uhr, im Yachthafen Gedser fest.

Die heute zurückgelegte Etappe beträgt 66 Seemeilen, das sind mehr als 120 km. Und wir haben es geschafft Strecke und Zeit gut zu machen. Gedser ist unser letzter Hafen in Dänemark. Heute ist Mittwoch, am Sonntag müssen wir wieder in Dachau sein. Vor uns liegen voraussichtlich noch zwei Segeltage: von Gedser nach Kühlungsborn und von Kühlungsborn nach Wismar. Das ist knapp aber machbar, wir haben sogar einen Tag in Reserve.

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